Biografisches Schreiben

Vater wohlhabend, Mutter wohlwollend.

.anders mal Dinge die Betrachte

Perspektivenwechsel

Vater WOHLhabend, Mutter WOHLwollend – wohin haben mich diese Psychogramme geführt? Meine Eltern. Der eine hat, der andere will. Ich heisse Ben, bin 27. Ich bin WOHLwissend. „Wohlhabend“ ist offiziell kein Psychogramm, für mich schon. Abgesicherte Menschen denken seltsam, sagte die Mutter zu mir als ich bereits erwachsen war.

  • Sie haben keine Angst um ihre Kinder
  • Schenken ihnen grosszügig „Freiheit“
  • Leben aneinander vorbei
  • Schliessen kaum Versicherungen ab und sparen nicht fürs Alter

Das nur um einige Vorwürfe zu benennen, die ich so zum ersten Mal als junger Mann höre. Als Kind hörte ich Mami nie, so zu sprechen. Sie hat nicht viel gejammert. Aber irgendwann verhängten die beiden zu Hause den Lockdown und nichts war mehr wie früher. Ausser dem Umstand, dass er WOHLhabend blieb, was mir allerdings erst heute zu denken gibt. Ein Shutdown nicht wegen Corona. Eigentlich weiss ich es nicht so genau. Verhängt ist eben verhängt. Die Mutter meint, dass man nach so vielen Jahren selbst nicht so genau sagen kann, warum eigentlich alles so schlimm endete. Für mich war es auf alle Fälle so, als würde man einem ohne Vorwarnung das Netflixabo kündigen. So nach der zweiten Staffel von Breaking Bad und sie wollten noch mindestens drei weitere schauen. Was kann da ein Zehnjähriger machen? Man hat nur die Möglichkeit sich zu orientieren und schnell zu einem anderen Livestream wechseln. Easy.

Mich störte an den Eltern nicht vieles. Am meisten wohl, dass die Mutter nicht gerne Monopoly spielte. Und Vater, der sehr gut darin ist, ein echtes Grundstückimperium aufzubauen, der hatte keine Zeit es mit uns zu spielen. Mit uns – ich habe noch einen kleinen Bruder. Bei Monopoly gab er der Mutter jeweils Geld unter dem Tisch durch, oder wenn ich Cola holen ging, damit sie weiter im Spiel bleibt. Er meint heute noch, dass ich es nicht weiss. Deshalb bleibt er für mich immer der „Kleine“. Ich gewann das Brettspiel hingegen sehr gerne. So war ich schon immer. Vielleicht deshalb war die Mutter neulich so gerührt, als ich sagte, dass ich dem Kleinen Geld schicke, damit er aus seinem Selbstfindungstrip nach Senegal endlich nach Hause kommen kann. Ich spiele Monopoly nicht umsonst wie der Vater.

Ich, 1994 alias Benji auf Zypern

Später gab es schon Störungen, bei denen der Unterschied zwischen den beiden offensichtlich wurde. Stellen Sie sich vor, Sie wollen zum Open Air, aber die Mutter malt den Drogen-Kurier an die Wand! „Ich bin dagegen! Das was Du willst und das was Dir gut tut, sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe!“ So-en-huere-Psycho-Geschwafel wegen eines Konzerts! Papi versteht mich. Er ist grosszügig und sagt, man müsse mir, bin schon schliesslich vierzehn, vertrauen. Wer würde da auf der Seite der Mutter stehen? Ich befürchte sogar, nicht einmal sie selbst kann sich auf ihre Seite schlagen. Ein Joint würde ihr echt gut tun. Sich entspannen – das will sie doch stets. Ein wenig Freiheit, sich frei zu entfalten, würde ich Mami schon gönnen. Sie macht einen bös-gueten Kirschkuchen! Als der kleine Bruder dann irgendwann irgendwo hinwollte, gab es solche Szenen nicht. Konzert, Party, Whatever. Er ging einfach. Er ahnte sehr WOHL, dass sie es ihm eher verzeihen als erlauben würde (so sind Frauen halt). Bloss weiss ich sehr WOHL, dass ich ihm diesen Lifestyle erkämpft habe.

Mein Vater hat inzwischen eine neue „Seine Familie“. Meine Mutter schreibt an ihrer Biografie. Eigentlich war sie schon früher so – lieber über das Leben schreiben als es zu leben. Sie macht auch Kurse dazu, online! Manchmal macht es sie traurig, als wären das die Monopoly von damals und sie hätte noch ihre Aktien im Spiel oder so. Neulich hatten sie da das Thema „Träume schreibend erforschen“; sie erzählt mir oft, was sie tut. Wenn sie nicht ins Detail geht, interessiert’s mich auch. Dass Träume uns in der Nacht etwas melden, das Argument kann ich stehen lassen. Wie ein Skript, das im System noch etwas ausführt, jedoch keine Anwendung ist. So was gibt es. Kurz nach unserem Treffen neulich beschrieb ich also meinen Traum, nur für mich, heimlich: Wir sitzen alle vier am Tisch in unserem Haus in Egnach, unterhalten uns und lachen. So wie früher. Ich, der WOHLwissende, der kleine WOHLahnende, der WOHLhabende und die WOHLwollende. Wir alle sind WOHLgeraten. Die Bedeutung dieses ‚versteckten psychischen Materials‘ kam sofort – das wäre wie Elon Musk im Seehas nach Frauenfeld. Voll abgespaced. Voll ausgeträumt. Ich musste gleich eine rauchen. Siehst Du, Mami, wohin es führen kann, wenn ich Deine Ratschläge verfolge?!

Jede Generation bringt den Kindern auch ihre Irrtümer bei. Mir wurde unter anderem beigebracht, dass man mit Computerspielen kein Geld verdienen kann! Auf Platz zwei ist die Binse, dass sich lügen nicht lohnt! Ich bin Ben, 27, WOHLwissend. Wohin mich meine Eltern geführt haben, kann ich noch nicht abschliessend sagen. Aber das – soviel Mutter gemäss Onlinekurs – ist für mein Alter völlig „angemessen“. Angeblich bin ich in einer Phase, in der ich mich im Leben „ausprobieren muss :)“. Hat die eine Ahnung, Bro! Das ist echt der Boomer! Ich könnte ihr über mein „Ausprobieren“ berichten, ob das WOHL „angemessen“ wäre? Mami, für mich bist Du noch ein Googleschreiber! Zum Glück interessiert sie zurzeit ihr eigenes Leben mehr als meins. Auf jeden Fall scheint’s mir, dass Menschen, die über ihr eigenes Leben schreiben, die anderen nicht anficken. In der „Muttersprache“ würde es heissen „kein Salz in die Wunden anderer streuen“ – nice. Ich bin Informatiker, ohne mich funktionieren ganz relevante Systeme nicht; too big to fail halt. Gefühle, egal welche, wären da nur hinderlich; ausser sie lassen sich mit mathematischen Modellen abbilden. Ich bin überzeugt: Einfache Lösungen gibt es im Leben nicht. Egal was kommen mag – ich werde mir die optimalen mit einem 3D-Drucker ausdrucken!


*Anmerkung: Die Befürchtung, mein Sohn würde seine Prägung nie auf diesen Punkt bringen, brachte mich dazu, seine Sicht der Dinge selbst aufzuschreiben.

Juni 2021


Eintauchen in die eigene Erfahrung

Textsorte oben: Lebensfaden aufspüren
Methode: Perspektivenwechsel
Schaffen wir es, uns selbst im Kopf eines anderen zu begegnen? Ein Versuch: Stellen Sie sich vor, Sie sind eine andere Person, die über Sie nachdenkt. Oder über eine Situation, in der auch Sie eine Rolle spielen. Sie hat ihr eigenes Gedankenkarousell, ihre eigenen Standpunkte, ihre eigene Ausdrucksweise und vor allem – ihr ist egal, was Sie von ihren Überlegungen halten.

  • Sie sind jetzt Ihre Nachbarin und tratschen über Ihre Person. Was behauptet diese?
  • Sie ist dabei sehr emotional. Verstehen Sie diese Gefühle?
  • Was möchten Sie, dass Ihre Nachbarin über sie verbreiten würde?
  • Stellen Sie sich vor, Ihre Katze oder Ihr Hund, können endlich sprechen und führen ein Interview mit Ihnen. Wie verläuft das Gespräch?
  • Sie lesen nun das Katzen-Interview mit Ihnen. Wollen Sie es kommentieren? Sind Sie mit allem einverstanden, was da geschrieben wurde?

Hier schreibt Miriam Löffel

Dem Einzelnen zugewandt, der Zivilisation eher fern. Ich bin eine Frau mit Eigenschaften und mag es, wenn Menschen ein Lächeln erwidern - ich tue es auch. Die Wahrnehmung für das "Unwichtige" führte mich zum Studium der Geisteswissenschaften; meine Hingabe galt ausserdem lange Zeit auch meinen Söhnen. Die Zerrissenheit zwischen den eigenen Leidenschaften ist das Hauptmotiv meines Lebensfadens. Meine Lebensthemen sind Familie, Rückzug, Worte hinter der Fassade und die Suche nach Verbindung. Das Luxusgut schlechthin ist Stille. Heute orientiere ich mich immer mehr an eigener Erfahrung und bin überzeugt, dass Kleider machen Leute – nicht. Privat und beruflich suche ich nach echten Begegnungen mit echten Menschen. Ich denke, dass Zuwendung und Zuhören die Welt des Einzelnen besser machen, vor allem indem man seine Wertvorstellungen akzeptiert. Ich bin ein psychologisch gebildeter Laie und Biografiearbeit erfüllt mich mit Sinnhaftigkeit. Bin kein Gutmensch, versuche jedoch gut zu sein.

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